Thursday, 20 June 2019

DIE NEUERFINDUNG DER DEMOKRATIE MIT DIGITALEN MITTELN

Von Prof. Dirk Helbing und Stefan Klauser, ETH Zürich

In letzter Zeit konnten wir in Europa ein Auseinanderklaffen der Vorstellungen darüber beobachten, wie eine effektive und gerechte Staatsführung aussehen soll. Manche Kommentatoren sahen bereits des Ende der Demokratie gekommen. Sie propagierten neue, digital ermächtigten Aristokratien oder gar die Rückkehr zu autoritären Regimes nach dem Motto: "Mit Big Data wird es jetzt möglich, wie ein wohlwollender Diktator zu regieren." Andere jedoch verteidigten die Demokratie, ja riefen nach mehr Mitspracherecht und nach einer besseren Nutzung ihrer Potenziale.

Dieser Artikel führt aus, weshalb die Anpassung der Instrumente der (direkten) Demokratie an moderne Gegebenheiten und die effiziente Nutzung digitaler Technologien – ein "Upgrade" quasi – unerlässlich ist. Zudem erläutert er, wie wir zu einer neuen Ära demokratischer Zusammenarbeit zwischen Politik und Bevölkerung gelangen können. Auch in Zukunft wird die Demokratie das innovativste und gerechteste politische System sein, selbst – oder gerade – in der digitalisierten Welt. Für den Frieden zwischen den Völkern ist ein demokratischer Ansatz, der dank Gewaltenteilung auf ein Gleichgewicht der Kräfte hinzielt, unerlässlich.

Warum Digitale Demokratie oft missverstanden wird


Mancher Beobachter setzt das Konzept der Digitalen Demokratie schlicht mit „Demokratie im digitalen Zeitalter“ gleich. Schnell heisst es dann, Digitale Demokratie sei schuld an der zunehmenden Radikalisierung von Bürgern und an der Schwierigkeit, einvernehmliche Lösungen zu finden. Es ist nicht zu bestreiten, dass wir in den letzten Jahren eine Polarisierung der Gesellschaft erlebt haben. Man schaue hin wo man will: USA, Brexit, Masseneinwanderungsinitiative, Türkei... Die Liste liesse sich beliebig erweitern. Wähler werden in öffentlichen, medialen Diskussionen, allen voran in Sozialen Medien, mit zunehmend extremen Positionen konfrontiert. Dies ist jedoch ein Nebeneffekt der von heutigen Medienkanälen kreierten "Echokammern" bzw. "Filter Bubbles", die eine ausgewogene Informationsbeschaffung erschweren und unsere Fähigkeit zur kritischen Reflexion einschränken.

In Europa lässt sich das anhand verschiedener Beispiele aufzeigen. Vermehrt bemerkbar gemacht hat sich das in letzter Zeit v.a. bei der Beziehung der EU-Bürgerinnen und -Bürger zur EU selbst. Gemäss dem sog. Bryce Law, nachdem sich junge Institutionen zunehmend zentralisieren, hat sich die EU vermehrt über das Subsidiaritätsprinzip und regionale Befindlichkeiten hinweggesetzt. Ein Universalansatz kann jedoch der Diversität in Europa (mit teilweise beachtlichen Gräben zwischen jungen und älteren Bürgern, Stadt und Land und verschiedenen Kulturen) nicht gerecht werden. Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, die sich von dieser zentralisierten Mehrheitspolitik vernachlässigt fühlen – teilweise zusätzlich aufgeheizt durch Massenmedien, Soziale Medien und den Echokammereffekt – neigen oft zu radikalen Lösungen für komplexe Herausforderungen, seien es nun die Fragen nach einer vernünftigen Migrationspolitik oder nach dem Verbleib in der EU.

Ruf nach einer mehrdimensionalen Politik


Eines ist sicher: die soziale und politische Komplexität hat sich mit der Vielzahl an gegenseitigen Abhängigkeiten in unserer hochgradig vernetzten und globalisierten Welt massiv erhöht. Auch für Experten ist es heute keineswegs trivial, mit der geballten Komplexität zurechtzukommen. Deshalb sehen einige Auguren die Wählerinnen und Wähler als überfordert an. Diese Überforderung mache sie anfällig für populistische und unangebrachte Lösungen. Und deshalb solle die Bevölkerung mit ihren selbstzentrierten Wünschen nicht mehr berücksichtigt werden. Eine datengetriebene Gesellschaft liesse viel bessere Resultate erwarten. Googles allwissender Algorithmus oder IBMs kognitiver Computer „Watson“ würden dann über unser Wohl entscheiden. Je nach Implementierung dieser neuen Weltordnung wird das Experiment aber fatalerweise darin enden, was man entweder als Faschismus 2.0 bezeichnen würde ("Big Brother" und die "Schöne Neue Welt"), als Kommunismus 2.0 (Verteilung von Ressourcen und Rechten basierend auf der Idee eines "wohlwollenden Diktators") oder als Feudalismus 2.0 (basierend auf Monopolen und einer Art Kastensystem). Wir hätten es also mit einer Art digitalen Aufwärmung vergangener Herrschaftssysteme zu tun, die aber nicht dadurch akzeptabel würden, dass sie sich nun auf eine breite Datenbasis stützen. Wir brauchen keine Reinkarnation des Leviathans. Nein, die Frage sollte viel eher lauten: Wie können wir die heutigen digitalen Möglichkeiten nutzen, um die Demokratie zu stärken, der "schlechtesten Art der Regierungsführung – aber der besten Regierungsform, die es gibt", wie es Churchill sinngemäss zu sagen pflegte.

Demokratie 2.0 – wie man kollektive Intelligenz mit digitalen Mitteln nutzen kann


Die Langzeitfolgen einer zentralisierten top-down Politik können verheerend sein: sie umfassen den Verlust an sozio-ökonomischer Diversität und Resilienz, den Rückgang von Innovationsraten und soziökonomischem Fortschritt, politische Instabilität, Krieg oder Revolutionen. Zentralisierte Top-Down-Optimierung kann in Unternehmen oder Lieferketten funktionieren, wenn der Markt genügend Variabilität garantiert. Komplexe gesellschaftliche Strukturen benötigen jedoch Ideenpluralismus und kombinatorische Innovation, um mit die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Die Erfolgsprinzipien der Vergangenheit – Globalisierung, Optimierung und Regulierung – haben mehr oder weniger ihren Zenit erreicht. Um nun auf ein neues Level der Zivilisation zu kommen, muss eine Netzwerk-Wirtschaft geschaffen werden, die auf den Prinzipien der Ko-Kreation, Ko-Evolution und kollektive Intelligenz fusst.

Insgesamt kann festgehalten werden, dass wir von einem Paradigma der Kontrolle zu einem der Befähigung übergehen müssen ("from power to empowerment"). Nur so können kulturell angepasste, nachhaltige und legitime Resultate erzielt werden, die Komplexität und Diversität erfolgreich in kreative Vielfalt und sozio-ökonomischen Wert verwandeln. Die Kombination von smarten Technologien mit smarten Bürgerinnen und Bürgern stellt das Rezept für eine smartere Gesellschaft dar. Doch wie soll diese Kombination aussehen? Das Stichwort heisst MOODs (englisch für "Massive Open Online Deliberation Platforms", auf Deutsch würde man etwa von offenen Online-Deliberationsplattformen sprechen). Man sollte sich hier einen virtuellen Verhandlungstisch vorstellen, an dem Individuen und Interessengruppen ihre Argumente zu einem spezifischen Thema einbringen können. Oder sinngemäss nach Landa und Meirowitz: indem umfassendere Informationen gesammelt und besser dargestellt werden, ermöglichen Deliberationsprozesse den Teilnehmenden eine besser durchdachte Meinung und eine bessere kollektive Entscheidungsfindung durch Interaktion.[1]

In einem zweiten Schritt können die MOODs genutzt werden, um innovativere Politikansätze auszuarbeiten, die verschiedene Perspektiven integrieren und nicht einfach Interessen- und Umverteilungspolitik auf der Basis von minimalen Mehrheiten betreiben. Denn darin besteht der Kern einer nachhaltigen Funktionsweise der digitalen Demokratie: kollektive Intelligenz zu erzeugen, indem man das Wissen und die Ideen von Vielen (einschliesslich Künstlicher Intelligenz) zusammenführt. Oftmals schon und bei den verschiedensten komplexen Herausforderungen wurde gezeigt, dass in der Kombination von Ideen und in der Interaktion zwischen Menschen (und von Menschen und Maschinen) die besten Resultate erzielt werden können.

Ein solcher Ansatz kann nicht nur die Entfaltungsmöglichkeiten vieler Bevölkerungsgruppen und kombinatorische Innovation fördern, sondern auch für eine möglichst grosse Chancengleichheit und eine ausgeglichene Zufriedenheit unter den Bevölkerungsgruppen sorgen. Auch wenn man bei einer Entscheidung oft nicht alle gleichermassen glücklich machen kann, ist es einleuchtend, dass ein partizipativer Deliberationsprozess im Durchschnitt zu besseren Lösungen für alle und zu grösserer Zufriedenheit mit dem politischen System führen kann. Anders gesagt: Digitale Demokratie ist dann erfolgreich, wenn es gelingt, die digitalen Möglichkeiten so zu nutzen, dass die Ideen von Habermas oder Fishkin zur deliberativen Demokratie effizient umgesetzt werden.

Es sollte eigentlich einleuchten, dass es für eine vorteilhafte Entfaltung der Komplexität und Diversität moderner Gesellschaften nicht erfolgreich sein kann, zu früheren Regierungssystemen zurückzukehren, die sich bereits als unzulänglich erwiesen haben. Wir brauchen keine Rückkehr zu Lösungen der Vergangenheit – wir brauchen Evolution. Und darum sollten wir die Demokratie entsprechend der Möglichkeiten unserer Zeit mit digitalen Mitteln "upgraden". In weiten Teilen der entwickelten Welt und als Resultat von intellektuellem Fortschritt, Freiheitskämpfen und Revolutionen, hat sich die Demokratie als das erfolgreichste und friedlichste Regierungssystem durchgesetzt. Deshalb propagieren wir anstelle einer datengetriebenen Politik basierend auf zentraler Top-Down-Kontrolle und von europäischen oder globalen Einheitslösungen einen Weg, der die Komplexität und Vielfalt zu unseren Gunsten nutzen kann – durch den Aufbau von dezentralisierten, partizipativen Kooperations-Netzwerken.

Abschied von einer Diktatur der Mehrheit


In jüngster Zeit wurde mehrfach hervorgehoben, dass – insbesondere in polarisierten Gesellschaften und solchen mit signifikanten Minderheitsgruppierungen – die Suche einfacher 51%-Mehrheiten, sei dies in Wahlen oder Abstimmungen – keine geeignete Lösung darstellt, da sie zu einer Diktatur der Mehrheit über die Minderheit(en) führen kann. Zusätzlich haben besonders knappe Resultate (man nehme die Abstimmung zum Brexit oder zur Masseneinwanderungsinitiative in der Schweiz) wiederholt zu Protesten bezüglich der Aussagekraft der Resultate und der Fairness des politischen Prozesses hervorgerufen. Die unterlegene Seite, die einen signifikanten Anteil der Bevölkerung repräsentiert, hat berechtigte Ängste, unter den neuen Bestimmungen zu leiden und hat ein starkes Interesse daran, für eine gemässigte Umsetzung der Beschlüsse zu kämpfen.

Der Umstand, dass auch grössere Minderheiten (Frauen, Ausländer, ökonomisch benachteiligte Schichten, ländliche Regionen usw.) häufig ignoriert werden, stellt eine signifikante Herausforderung dar, deren Lösung nicht-trivial ist. Dennoch wird es mittels MOODs möglich, verschiedene Ansichten und Lösungsansätze zu integrieren. Heute können die Bürgerinnen und Bürger zu einer komplexen, vielschichtigen Frage meist nur „ja“ oder „nein“ sagen. „Ja“ oder „nein“ reicht jedoch oft nicht. Es braucht eine differenziertere und bessere Beteiligung der Bevölkerung. Die Leute sollen kontinuierlich und mit minimem zusätzlichen Aufwand an politischen und gesellschaftlichen Diskussionen partzipieren können. Sie sollen sich differenzierter äussern und Ideen sowie Lösungsvorschläge einbringen können. Der Brexit wird in mancherlei Weise das Leben der Menschen in Grossbritannien verändern. Die meisten Wählerinnen und Wähler haben in ihm sowohl Vorteile als auch Nachteile erkennen können. Wären die Politiker und Institutionen darüber informiert gewesen, wie das Elektorat die Wichtigkeit bestimmter Facetten der Mitgliedschaft in der EU bewerten (zum Beispiel bezüglich Personenfreizügigkeit, politischer Abhängigkeit und ökonomischer Verflechtung), dann hätten sie die Möglichkeit gehabt, wichtige Handlungsfelder und Lösungsmöglichkeiten zu identifizieren und so einer aufkommenden Unzufriedenheit zuvorzukommen.

Natürlich ist Politik kein Selbstbedienungs-Wunderland. Manchmal ist man gezwungen, den Wählerinnen und Wählern die Wahl zwischen zwei (oder mehr) nicht vereinbaren Lösungs-Paketen zu überlassen. Dennoch ist es einleuchtend, dass ein besseres Verständnis der Wählerpräferenzen den politischen Prozess verbessern könnte und besser zugeschnittene Lösungen erlaubt, insbesondere in Kombination mit einem vernünftigen Mass an Föderalismus und Subsidiarität.

Ein neu definierter, inklusiverer Prozess hat diverse Vorteile. Erstens entsteht ein Lerneffekt durch die Beschäftigung mit diversen Aspekten von komplexen politischen Herausforderungen. Zweitens kann die Bevölkerung von Anfang an zur Lösung einer politischen Frage beitragen, was zu einer höheren Zufriedenheit führen kann. Dadurch kann ein solcher Beteiligungs-Prozess Protestbewegungen und extremen politischen Lösungen teilweise den Nährboden entziehen.

Auch wenn die Resultate des Deliberationsprozesses nicht zwingend bindend wären, würden durch MOODs Optionen und Richtungen erkennbar. Durch die Berücksichtigung von regionalen, ethnischen und religiösen Unterschieden können kulturell angepasste Gesetze einfacher ausgearbeitet werden, und es wird klar ersichtlich, ob im Einzelfall ein Gesetz eher auf nationaler oder regionaler oder kommunaler Ebene ausgearbeitet werden sollte. Am Ende eines Deliberationsprozesses kann es immer noch einer Mehrheitswahl bedürfen. Aber zu diesem Zeitpunkt enthielte der Lösungsansatz bereits einen substantiellen Anteil an Ideen und Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger, und es käme daher viel seltener zu polarisierten Ergebnissen.[2] Und selbst wenn ein neues Gesetz zu einer 50:50 Polarisierung führen würde, könnten Deliberationsprozesse nach einer solchen Abstimmung, insbesondere wenn sie wiederum mit einem gewissen Mass an regionaler Autonomie bei der Umsetzung der Resultate kombiniert werden, zu einer besseren Akzeptanz der Ergebnisse führen.

Desinformation durch Social Media zuvorkommen


Fehlende Medienkompetenz, knappe Zeit und sogenannte Filter Bubbles (der Echokammereffekt von Sozialen Medien) sowie die finanziellen Möglichkeiten von mächtigen Meinungsmachern führen dazu, dass ungenaue, manipulierende oder gar gänzlich falsche Informationen verbreitet werden. In diesem Zusammenhang spricht man inzwischen oft vom post-faktischen Zeitalter. Für die Menschen wird es immer schwieriger zu beurteilen, ob eine Information vertrauenswürdig bzw. richtig ist oder nicht. Regierungen, Firmen und reiche Individuen können sich heute ganze Armeen an Bloggern und Social Media Experten kaufen, die eigens angelegte Profile und sogenannte Chat Bots (Chatroboter) betreiben, die Social Media Kanäle mit Informationen fluten, die sie zu verbreiten gedenken. Viele der heute beliebten Social Media Plattformen haben momentan entweder keine Möglichkeiten und/oder kein Interesse, diese Diskussionen zu moderieren. Die so entstehende Informationsasymmetrie widerspricht der Idee eines authentischen Deliberationsprozesses, wie er zum Beispiel von John S. Dryzek definiert wurde.[3] Es gibt jedoch auch Beispiele, die einen Schritt in die richtige Richtung gehen, z.B. die in den Vereinigten Staaten zunehmend beliebte Diskussionsplattform „Reddit“. [DH1] Reddit erlaubt nutzergenerierte Inhalte und Diskussionen. Ein Bewertungssystem ermöglicht es den Nutzerinnen und Nutzern zudem, beliebte Inhalte prominenter zu verbreiten. Entlang dieser Linien gilt es, neue Plattformen zu schaffen, die einen informierten, ausgewogenen, gewissenhaften, substanziellen und umfassenden Deliberationsprozess ermöglichen.

Entscheidungsfindung durch Diskussion, Ausdruck von Präferenzen und Abstimmungen


Kommen wir also zu den Kernmerkmalen, die für das Funktionieren solcher MOODs notwendig sind: 1) MOODs sollen transparent und dezentralisiert organisiert sein, um Manipulationen und Zensur zu verhindern. 2) MOODs sollen moderiert werden durch von der Gemeinschaft gewählte Moderatorinnen und Moderatoren, um faire und konstruktive Diskussionen zu ermöglichen. 3) Künstliche Intelligenz kann dazu genutzt werden, abnormale Aktivitäten zu erkennen und damit Chat-Roboter und Ghostwriter zu enttarnen. Künstliche Intelligenz kann zudem die verschiedenen Argumente in einer Diskussion sortieren und organisieren und so zu einer ausgewogenen und übersichtlichen Diskussion beitragen. Sie kann überdies Behauptungen überprüfen und Fakten ergänzen. 4) Reputationssysteme können verantwortungsbewusstes Handeln fördern und Beiträge von hoher Qualität und solche von Autoren mit hoher Bewertung fördern. Hierbei können manipulierte Bewertungen ebenfalls mit Künstlicher Intelligenz herausgefiltert werden. 5) Ein transparentes und faires Qualifikationsverfahren (z.B. anhand gesammelter Punkte für Beiträge mit einer gewissen Mindestbewertung durch die Gemeinschaft) kann genutzt werden, um zu entscheiden, welche zusätzliche Funktionen und Nutzungsmöglichkeiten freigeschaltet werden.

MOODs können sich verbreiten, ohne dass es Top-Down-Entscheidungen der Politik bedarf. Sind einmal genügend Nutzerinnen und Nutzer vorhanden und wird gezeigt, dass die Diskussionsergebnisse relevant sind, wird der Nutzen für den politischen Prozess schnell ersichtlich. Dennoch ist es natürlich wünschenswert, wenn auch die Politik dazu beiträgt, unsere Gesellschaft mittels Digitaler Demokratie auf ein neues Level der Lebensqualität und Lebenszufriedenheit zu führen. 

Es ist also völlig inadäquat, die Digitale Demokratie als frustrierenden Prozess in einer mediendominierten und digitalisierten Welt abzutun. Ein hochentwickeltes Modell einer Digitalen Demokratie muss auf Ko-Kreation, Ko-Evolution und kollektiven Intelligenz fussen, die allesamt durch den Einsatz von modernen digitalen Mitteln unterstützt werden können.[4]

Sicherlich braucht es erhebliche Anstrengungen, diese Plattformen zu kreieren und den demokratischen Prozess fit zu machen für das digitale Zeitalter. Dabei stehen insbesondere technische und rechtliche Fragen im Vordergrund. Aber auch das Aufbauen einer ausreichend grossen Nutzergemeinschaft ist eine Herausforderung. Dabei kommen diverse Anreizmechanismen in Betracht. Wichtig ist weiterhin der einfach Zugang (z.B. via Mobiltelefon) sowie generell die Nutzerfreundlichkeit und das Einbauen von spielerischen Elementen (Stichwort: Gamification). Keine dieser Hürden wäre aber so gross, dass man sie nicht bewältigen könnte. Der potenzielle Nutzen eines neu ausgelegten (direkt-)demokratischen Prozesses überragt jenen einer Rückkehr zu überholten Herrschaftsformen der Vergangenheit bei weitem.

Digitale Demokratie kann einige der wichtigsten Errungenschaften unserer Gesellschaft wiederbeleben: Selbstbestimmung, Freiheit, Gewaltenteilung, Chancengleichheit, soziale Partizipation und Mitbestimmung sowie Diversität und gesellschaftliche Resilienz.

Die Zeit ist gekommen, um gemeinsam an einem Update des Betriebssystems von Politik und Gesellschaft zu arbeiten. Digitale Demokratie ist die Basis für die Erneuerung des vertrauenvollen Miteinanders und gesellschaftlichen Friedens. Sie ist aber auch die Voraussetzung für eine neu belebte, partizipative Wirtschaft, die es jedem gleichermassen erlaubt, innovative Beiträge zu leisten.

Dirk Helbing ist Professor für Computational Social Science an der ETH Zürich und Mitglied der Deutschen Akademien der Wissenschaft „Leopoldina“. Er leitet die nervousnet.info Initiative, die den Nutzen des Internets der Dinge für alle zugänglich machen will.

Stefan Klauser ist Politikwissenschaftler und Fintech-Enthusiast. Er leitet in Professor Helbings Team die strategische Arbeit zum Thema „Digitale Gesellschaft“. Bei einer früheren Stelle im Schweizer Aussendepartement war er für die Erschaffung einer Ausstellung zum Thema der modernen direkten Demokratie zuständig.


Dieser Text basiert auf einer früheren Version, erschienen am 4. August 2016 in der US-Ausgabe der Huffington Post (http://www.huffingtonpost.com/entry/how-to-make-democracy-work-in-the-digital-age_us_57a2f488e4b0456cb7e17e0f).

[1] D. Landa / A. Meirowitz (2009): „Game Theory, Information, and Deliberative Democracy“, in American Journal of Political Science, Volume 53, Issue 2, pages 427–444.

[2] Compare: James S. Fishkin/ Robert C. Luskin (1999): Bringing Deliberation To The Democratic Dialogue.

[3] Dryzek (1990): Discursive Democracy: Politics, Policy, and Political Science.

[4] D. Helbing, Society 4.0: Upgrading society, but how? https://www.researchgate.net/publication/304352735; D. Helbing, Why we need democracy 2.0 and capitalism 2.0 to survive, Jusletter IT (May 25, 2016), see http://bit.ly/1O5axWZ

Monday, 1 April 2019

MASTERING HUMANITY’S GRAND CHALLENGES


Since about “The Limits to Growth” report in the early 70ies, we know that our economy is not sustainable and that societal and economic collapse in the 21st century is a realistic possibility, at least according to a large number of experts (even though the discussion is still on-going and controversial). The proposal of the business world to handle the sustainability problem was largely based on globalization, liberalization, and free global trade. However, those measures have almost reached their limits, and sustainability challenges are still huge, as the debates on climate change and water scarcity show. Moreover, there is a serious distribution problem of resources. Some countries suffer from obesity, while others suffer from hunger. Hence, the United Nations has called for urgent action under labels such as “Agenda 2030” and “Sustainable Development Goals”.

To achieve these goals, many have proposed a data-driven and AI-controlled approach. When resources are expected to fall short, it is proposed that one needs to know exactly where all resources are located and who is using them. Furthermore, one should be able to steer the use of all these resources. The data would be centrally collected and an optimal plan worked out by means of a “world simulator”, which is based on detailed digital doubles of everyone (an example is the “Sentient World” simulation). Moreover, people’s behavior would then be steered by nudging or neural manipulation, and deviations from the desired behavior would be punished, as known from the “Chinese” Social Credit System or Citizen Score. (Note that the British secret services CHGQ has developed a similar program under the name “Karma Police”, an extension of Predictive Policing approaches.)

This approach has been widely criticized as totalitarian. Not only does mass surveillance violate the human rights of privacy and human dignity. Behavioral experiments with humans and social engineering without well-informed consent is as problematic as most digital methods of propaganda and censorship. An AI system that proposedly acts like a “benevolent dictator” and applies predictive policing to punish deviations from imposed conformity shares elements of fascist systems. Moreover, by means of constructed dilemma situations such as “trolley problems”, some experts are trying to establish new ethical principles for “moral machines”, which undermine the equality principle on which many societies are based. Research shows that autonomous systems judging over humans might discriminate certain people (e.g. women or people of color, elderly, poor or ill people), and they may relativize human rights. Some researchers have even started thinking about AI systems for euthanasia in an unsustainable world. In other words, something like a digital holocaust is conceivable, if autonomous systems are used against people.

As an alternative approach, we have recently developed concepts that go beyond open data, open source, open access, open innovation, making, crowd sourcing and citizen science. These concepts include global systems science and a network of digital hubs (“digital lab”), peace rooms, digital empowerment, data platforms enabling informational self-determination, democratic capitalism, digital democracy, City Olympics, participatory resilience, socio-ecological finance, participatory sustainability, and open source urbanism. Here, co-learning, co-ordination, co-operation, and co-evolution are the expected success principles to benefit our economy and society. Unleashing collective intelligence would boost societies, combinatorial innovation would fuel the economy, and digital assistants would empower people. Most of these concepts are shortly described in some detail below, and links to articles are provided.

1. Global Systems Science

Today’s strongly connected, global networks have produced highly interdependent systems that we do not understand and cannot control well. These systems are vulnerable to failure at all scales, posing serious threats to society, even when external shocks are absent. As the complexity and interaction strengths in our networked world increase, man-made systems can become unstable, creating uncontrollable situations even when decision-makers are well-skilled, have all data and technology at their disposal, and do their best. To make these systems manageable, a fundamental redesign is needed. A ‘Global Systems Science’ should create the required knowledge and paradigm shift in thinking.

2. Inspired by the MIT Media Lab, it is suggested to create a European Digital Lab

This was proposed at the SwissCore workshop on October 11, 2019, in Brussels.
In order to prepare the tools to counter our societies’ existential threats, a large-scale initiative, a kind of Apollo project, is urgently needed. We propose to establish a Digital Lab – a European MediaLab, such that a sizeable progress can be made on a short time scale. The Digital Lab could be staffed with leading international experts (many would even return from the USA, if working conditions were competitive). It is a matter of political will and action to kick-start and support the activities that would foster and integrate cutting-edge research in various specialized digital hubs all over Europe and form a scientific collaboration network, the European Digital Lab.

3. Creation of a platform for informational self-determination, which would also promote combinatorial innovation

Informational self-determination should is a human right. The slide below proposes a platform for informational self-determination, which would give control over our digital doubles back to the people. With this, all personalized services and products would be possible, but companies would have to convince us to share some of our data with them for a specific purpose. The resulting competition for consumer trust would eventually promote a trustable digital society.

The platform would also create a level playing field: not only big business, but also SMEs, spinoffs, NGOs, scientific institutions and civil society could work with the data treasure, if they would get data access approved by the people (but many people may actually select this as a default). Overall, such a platform for informational self-determination would promote a thriving information ecosystem.
Data management would be done by means of a personalized AI system running on our own devices, i.e. digital assistants that learn our privacy preferences and the companies and institutions we trust or don’t trust. Our digital assistants would comfortably preconfigure personal data access, and we could always adapt it.
Over time, if implemented well, such an approach could establish a thriving, trustable digital age that empowers people, companies and governments alike, while making quick progress towards a sustainable and peaceful world. The concept fits the concept of a European Science Cloud well.

4. Creation of "Peace Rooms“ to address the world’s grand challenges better

The resurgence of terms such as 'cold war' and 'clash of cultures' in the media reflects a dangerous social dynamic that could drive societies to the brink of recession, civil war and societal collapse. We suggest that a more modern, open and scientific strategy might help to prevent history from repeating itself.
Today's strategic 'war rooms' use big data, artificial intelligence and cognitive environments to manage conflicts and crises or run big business. Recasting them as 'peace rooms' would be better in tomorrow's world — they would then be more democratic and would operate with greater transparency for legitimacy. This would help to build trust and expose flaws in the system.
Peace rooms could be run by interdisciplinary, international scientific teams to integrate the best available knowledge. They would rely on input from multiple stakeholders — including cities, civil society, non-governmental organizations, citizen scientists and crowdsourcing — to find solutions that work for as many people as possible. The rooms would be supervised by ethics experts to ensure that innovative outcomes are used responsibly.
This is in line with approaches such as democratic capitalism and digital democracy. Peace rooms could change how strategic decisions are made in crisis situations, guiding us from uncontrollable conflict to the sustainable development that the world needs now.

5. Creation of a platform for participatory, digital democracy, i.e. a digital upgrade of democracy to foster collective intelligence

Digital democracy is aiming to foster collective intelligence to find solutions to complex societal issues that result in better outcomes by integrating different perspectives and solutions. On a digital platform, the various arguments on the subject would be collected, structured and summarized in different perspectives. After that, the main representatives of the various perspectives would come together at a roundtable and deliberate on innovative, integrated solutions that would work for as many different groups of people as possible. Only then one would vote – namely on the set of best integrated solutions.

6. Development of a "design for values” and “responsible innovation” approach

Responsible innovation is needed to address the grand challenges of the 21st century. It requires pro-actively addressing relevant moral and social values already in the design phase of new technologies, products, services, spaces, systems, and institutions.
There are several reasons for adopting a design for values approach: (1) the avoidance of technology rejection due to a mismatch with the values of users or society, (2) the improvement of technologies/design by better embodying these values, and (3) the generation or stimulation of values in users and society through design.

7. Creation of the framework for a real-time feedback and coordination system for a sustainable management of complex systems (socio-ecological finance system)

Using the Internet of Things, one could now quantify the impact of human action on the environment and others in a multi-dimensional way. Noise, stress, CO2, waste and other effects that one would like to reduce would be measured by various sensors. The same applies to effects one would like to promote, such as the recycling of resources. Such a multi-dimensional real-time measurement and feedback system would be able to incorporate the values ​​and goals of our society. For example, environmental-friendly and social production methods could be made profitable and attractive. In this way, the emergence of a sustainable circular economy and a sharing economy could be promoted by a novel socio-ecological finance system, which one may call “Finance 4.0+”. Such a system would bring the Internet of Things and Blockchain technology together to reach the UN 2030 Sustainable Development Goals more quickly, in a participatory way.

8. Development of a City Olympics concept as participatory format to address global challenges

“City Olympics” or “City Challenges” could boost innovation on a cross-city level involving all stakeholders. They would be national, international or even global competitions to find innovative solutions to important challenges. Competitive disciplines could, for example, be the reduction of climate change, the development of new, energy-efficient systems, sustainability, resilience, social integration, and peace. The solutions would be publicly funded and should be Open Source (for example, under a Creative Commons license) in order to be reused and developed further by a multitude of actors in all cities i.e. by corporations, SMEs and spin-offs, researchers, NGOs and civil society. In this way, the potential of trends such as Open Source Movement, Hackathons, Fablabs, MakerSpaces, Gov Labs and Citizen Science would be raised to an entirely new level, creating the potential for civil society solutions. The new success principles would be collaborative practices such as co-learning, co-creation, combinatorial innovation, co-ordination, co-operation, co-evolution, and collective intelligence.
Increasing the role of cities and regions as drivers of innovation would allow innovative solutions and initiatives to be launched in a bottom-up way. All interested circles could contribute to City Challenges. Scientists and engineers would come up with new solutions and citizens would be invited to participate as well, e.g. through Citizen Science. Media would continuously feature the efforts and progress made in the various projects. Companies could try to sell better products and services. Politicians would mobilize the society. Overall, this would create a positive, playful and forward-looking spirit, which could largely promote the transformation towards a digital and sustainable society. In the short time available, the ecological transformation of our society can only succeed if the majority of our society is taken on board, and if everyone can participate and profit.
Swissnex just organized a meeting in Bangalore, India, on this:

Thursday, 28 March 2019

Using The Wisdom Of Crowds To Make Cities Smarter

How could networks of innovative cities contribute to the solution of humanity’s existential problems?

Given the on-going digital revolution and our present-day sustainability challenges, we have to reinvent the way cities are operated. We propose that the requirement of organizing societies in a more resilient way implies the need for more decentralized solutions, based on digitally assisted self-organization, and that this concept is also compatible with sustainability requirements and stronger democratic participation. 

The project by Prof. Dirk Helbing and his Computational Social Science team will investigate, whether such a decentralized, participatory approach could compete with a fully centralized approach in terms of efficiency and sustainability, or perform even better than that. This requires in particular to figure out, how distributed co-creation processes can be coordinated and lifted to a professional level in a scalable way. 

The main questions of the project are: How could more participatory smart cities work, and how can they meet the requirements of being more efficient, sustainable and resilient? What are their risks and benefits compared with centralized approaches? How could digital societies fitting our culture, for example, based on values such as freedom, equality and solidarity (liberté, égalité, fraternité) look like, and what performance can be expected from them?

The project brings together two research directions: first, the automation of mobility solutions based on the Internet of Things and Machine Learning approaches, as they have been pursued within the “smart cities” paradigm and, second, novel collaborative approaches as they have been recently discussed under labels such as participatory resilience, digital democracy, City Olympics, open source urbanism, and the “socio-ecological finance system”.



In German:


Wie „Smart Cities“ mit Schwarmintelligenz noch besser werden können

Wie können Netzwerke innovativer Städte zur Lösung der existentiellen Menschheitsprobleme beitragen? Angesichts der fortschreitenden digitalen Revolution und unserer heutigen Nachhaltigkeitsherausforderungen müssen wir die Art und Weise, wie Städte organisiert werden, neu erfinden. Wir schlagen vor, dass die Notwendigkeit, die Gesellschaft krisenfester zu gestalten, stärker dezentralisierte Lösungen auf der Grundlage digital unterstützter Selbstorganisation erfordert, und dass dieses Konzept auch mit den Nachhaltigkeitsanforderungen und einer stärkeren demokratischen Beteiligung vereinbar ist. 

Das Projekt von Prof. Dirk Helbing und seinem Computational Social Science Team soll untersuchen, ob ein derart dezentraler, partizipativer Ansatz mit einem vollständig zentralisierten Ansatz in Bezug auf Effizienz und Nachhaltigkeit konkurrieren kann oder sogar noch besser abschneidet. Dies erfordert insbesondere herauszufinden, wie verteilte Prozesse der Ko-Kreation skalierbar koordiniert und auf professionelles Niveau gebracht werden können. 
Die Hauptfragen des Projekts lauten: Wie könnten stärker partizipative Smart Cities funktionieren und wie können sie die Anforderungen erfüllen, effizienter, nachhaltiger und krisenfester zu sein? Welche Risiken und Vorteile bestehen im Vergleich zu zentralisierten Ansätzen? Wie können digitale Gesellschaften aussehen, die zu unserer Kultur passen, also beispielsweise auf Werten wie Freiheit, Gleichheit und Solidarität (liberté, égalité, fraternité) basieren, und welche Leistungsfähigkeit kann von ihnen erwartet werden?
 

Das Projekt bringt zwei Forschungsrichtungen zusammen: erstens die Automatisierung von Mobilitätslösungen, die auf den Ansätzen des Internets der Dinge und des maschinellen Lernens beruhen, wie sie beim Ansatz von „Smart Cities“ („intelligenten Städte“) zum Einsatz kommen; zweitens neuartige kollaborative Ansätze, wie sie neuerdings unter Stichworten wie partizipative Resilienz, digitale Demokratie, Städte-Olympiaden, Open Source Stadtentwicklung und dem sozio-ökologischen Finanzsystem „Fin4“ diskutiert werden.